Kulturlobby

Interview mit Kulturmanagerin Anja Engel

Foto: Kulturlobby Potsdam / Kristina Tschesch

Foto: Kulturlobby Potsdam / Kristina Tschesch

Seit 1. September 2015 ist Anja Engel Kulturmanagerin des neuen Kreativhauses Rechenzentrum. Wir haben sie zum Interview getroffen.

Hallo Anja! Was ist deine neue Aufgabe?

Ich habe im Auftrag des Betreibers (der Stiftung SPI in Zusammenarbeit mit der GSE Gesellschaft für Stadtentwicklung) das Hausmanagement im Rechenzentrum übernommen. Das heißt, wir bringen zuallererst Menschen und Räume zusammen. Danach wollen wir im Haus und aus dem Haus hinaus ein dynamisches Miteinander gestalten – zwischen den Mieterinnen untereinander, den Gästen von außen, den Partnern, Institutionen und Vertretern aus Weiterbildung, Kultur und Wirtschaft. Das Rechenzentrum soll ja kein einfaches Bürohaus sein, in dem die Kreativen anonym, nebeneinander in ihren Kammern sitzen. Es braucht Austausch, also Räume und Anlässe für Begegnungen – in der Mittagspause und der Mieterversammlung, vom Vortrag und Workshop bis zur Vernissage am Feierabend. Diese Anlässe mitzuentwickeln und mitzuorganisieren, gemeinsam mit anderen, das wird auch eine meiner Aufgaben sein.

Wie kommt es dazu, dass du das jetzt machst?

Der jetzige Betreiber des Hauses, die Stiftung SPI, schrieb eine Stelle aus, auf die ich mich bewarb. Meine Vorerfahrung in Projekten aber vor allem mein Mitwirken bei der Kulturlobby bzw. in der ihr zu Grunde liegenden „Initiative Alte Brauerei“ seit 2014 haben mich mit an die Runden Tische und Plenen gebracht, an und in denen seit Anfang des Jahres über die Möglichkeit Rechenzentrum diskutiert wurde. Der enge Austausch mit dem Kern der Kulturlobby, die maßgeblich den Prozess organisiert, vorangebracht und gestaltet hat – hat dann auch zu der Überlegung geführt, dass eine Person aus diesem Kreis das Management übernehmen sollte. So laufen angestoßene Prozesse weiter, bleiben die Wege kurz und am Ende steigt die Chance, dass aus dem Rechenzentrum ein tolles, buntes, lebendiges Haus für kreatives, interdisziplinäres Schaffen und Austausch wird.

Foto: Kulturlobby Potsdam / Kristina Tschesch

Foto: Kulturlobby Potsdam / Kristina Tschesch

Inwiefern bist du selbst mit der Kulturszene Potsdams und der Raumthematik verbunden?

2004 kam ich zum Studium der Europäischen Medienwissenschaft nach Potsdam, kurz darauf begann ich in der Potsdamer Band „fosbury flop“ zu singen – seitdem bin ich sozusagen aktiv in der Potsdamer Szene und kenne die Bedeutung von bezahlbaren Räumen für kreatives Schaffen. Gegen Ende meines des Studiums (ab 2008) begann ich mit der Entwicklung und Umsetzung des „Localize Festivals“, das mittlerweile acht Mal an verschiedenen Orten in Potsdam stattfand.

Durch die jahrelange ehrenamtliche Festivalarbeit lernte ich ganz verschiedene Seiten Potsdams kennen – die freischaffenden Bildenden KünstlerInnen, die MusikerInnen, die DesignerInnen und Kulturschaffenden, aber auch die andere Seite – die Bau- und Straßenverkehrs-, Umwelt-, Grünflächenämter, die Kulturpolitischen VertreterInnen, die (sozio)kulturellen Institutionen (vom freiLand und dem Hans Otto Theater, über die fabrik bis zum Filmmuseum), sowie die Handwerkerfirmen in der Stadt.

Seit 2012 bin ich selbstständig als Kulturmanagerin und Projektkoordinatorin tätig und habe Formate wie Konferenzen, Netzwerkveranstaltungen und Märkte mitentwickelt und (mit-)organisiert (Designtage Brandenburg, Designpreis Brandenburg, 6×6 Netzwerkabende, Büchermarkt beim Lit:Pots Festival, Konferenz Fokus Musik etc.). Die Kultur- und Kreativwirtschaft zieht sich als roter Faden durch meine Aufträge – es geht immer um Vernetzung, Sichtbarmachung, Weiterbildung, Präsentation, Gestaltung.

Die Auseinandersetzung mit den Möglichkeitsräumen für Kreative fand im Frühjahr 2014 dann für mich ihren Höhepunkt als den NutzerInnen in der Alten Brauerei am Hauptbahnhof gekündigt worden ist. Mit der Band „fosbury flop“ hatten wir dort einen Proberaum und ein Zuhause, gefühlt jahrzehntelang. Der drohende Wegbruch führte zur Initiative Alte Brauerei, dann zur Gründung der Kulturlobby Potsdam. Es gab unglaublich viel Wind und Lust nochmal an das (in Potsdam ja schon alte) Thema heran zu gehen, sich zu organisieren, sich Gehör zu verschaffen und etwas zu bewegen, damit bezahlbare Freiräume Realität in Potsdam bleiben. Plötzlich begegneten sich Personen und Gruppen, die vorab unbekannt nebeneinander in den Räumen arbeiteten und tauschten sich aus, gingen auf die Straße (Exodus am 1. März 2014, Arbeiten und Proben vorm Landtag, im Frühjahr 2014) und setzten ein Thema – für die Presse, für die Verwaltung, für die Politik.

Letztlich ist das Rechenzentrum an dieser innerstädtischen Stelle ein Ergebnis dieses Austauschs und dieser Aktionen, die im Frühjahr 2014 so konzentriert begannen und sich langfristig durch die fantastische Arbeit der Kulturlobby fortsetzten!

Foto: Kulturlobby Potsdam / Kristina Tschesch

Foto: Kulturlobby Potsdam / Kristina Tschesch

Wie ging es im September los und wie geht es ab Januar weiter?

Als erstes haben wir uns darum gekümmert, dass aus den vielen InteressentInnen, die sich bereits gemeldet haben, MieterInnen wurden und werden. Das heißt, wir machen Begehungen, stimmen Mietverträge ab und klären technische Fragen mit dem Haus. Wie kommen alle NutzerInnen immer rein und raus, wo wird die Post abgegeben, kann ich ein Telefon anschließen, wohin bringe ich meinen Müll?

Aktuell ist es leider noch nicht möglich Bandprobenräume einzurichten. Es wird an Lösungen mit mobilen Schallkabinen gearbeitet, damit ab 2016 auch die vielen suchenden Bands Platz zum Proben finden.

Ab nächstem Jahr steht uns dann das ganze Haus zur Verfügung – wenn der Ko-Betrieb mit dem alten Nutzer, dem ZIT Rechenzentrum endet. (Leider ist noch nicht ganz klar, ab wann genau das sein wird. Anm. der Red.) Dann steigt nicht nur die vermietbare Fläche, sondern auch der Gestaltungsspielraum für den Eingangsbereich, für die Flure oder den tollen Innenhof.

Von Anfang an versuchen wir Workshops, Vorträge und ähnliches zu realisieren – sowohl für die MieterInnen untereinander, wie auch für Gäste von außen.

Foto: Kulturlobby Potsdam / Kristina Tschesch

Foto: Kulturlobby Potsdam / Kristina Tschesch

Wen spricht das Haus als potentielle MieterInnen an?

Das Haus ist explizit für Nutzungen durch Kultur- und Kreativschaffende vorgesehen – was aber ein riesiges Feld ist. Es spricht die bildenden KünstlerInnen an wie die IT-Tüftler, TheatermacherInnen und ArchitektInnen, etablierte AkteurInnen wie Studierende oder Start Ups. Auch Initiativen und Vereine, die von hier ihre Projekte realisieren, sind willkommen. Die Räume reichen von 14 bis 60 qm und sind damit kleinteilig genug, um für Einzelne und Anfangende finanzierbar zu sein, und einige groß genug und für Gruppenarbeit geeignet. Perspektivisch sind auch Arbeitsplätze angedacht, die flexibel und kurzfristig gemietet werden können, oder auch Flächen für Seminare, Workshops und Gruppentreffen.

Kann ich mich noch bewerben – und wenn ja wie?

Bewerbungen sind jederzeit möglich. Wobei ich gar nicht von Bewerbungen sprechen würde. Wer gern einen Raum mieten möchte, kann sich einfach per Mail an rzpotsdam@stiftung-spi.de wenden, sein Tätigkeitsfeld angeben und eine Besichtigung vereinbaren.

Foto: Kulturlobby Potsdam / Kristina Tschesch

Foto: Kulturlobby Potsdam / Kristina Tschesch

Was sind deine Visionen für das Haus?

Ich freue mich, dass es endlich einen Ort gibt, an dem die vielen schon lange oder auch kurz Suchenden finden. Einen bezahlbaren Platz zum Arbeiten und zum Austausch mit anderen vielfältig tätigen NachbarInnen im ganzen Haus. Schön wäre, wenn an diesem Ort etwas entsteht, das weit über ein klassisches Bürohaus mit Arbeitsnachbarn hinausgeht. Also eine Adresse, die in Potsdam für Lebendigkeit und Kreativität steht. Ein Haus, das man nicht nur kennt, weil man dort mietet oder jemanden kennt, der mietet, sondern auch, weil man Diskussionen, Workshops, Seminare, Vorträge und Lesungen besucht – und irgendetwas davon oft im Rechenzentrum stattfindet. Getragen von den vielen Mieterinnen und Mietern, die Lust haben gemeinsam zu gestalten.

Wichtig ist dafür die Gestaltung der Schnittstelle nach außen – wie sieht die Grünfläche vorm Eingang aus, wie das Foyer? Wie viel wird von der Vielfalt, die drin steckt, nach außen sichtbar?

Ist schon ein Art öffentliche Einweihung geplant?

Ja, soetwas planen wir für Anfang November. Das genaue Datum und was genau passieren wird, geben wir zeitnah bekannt – auch über Kulturlobby.de!

Die Kulturlobby wird das „Projekt Rechenzentrum“ auch weiterhin unterstützen.
Vielen Dank für das Gespräch, Anja – und VIEL ERFOLG!

Foto: Kulturlobby Potsdam / Kristina Tschesch

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