Kulturlobby

Rückblick auf unsere Zeit AM KANAL 57

Viel Schwung, ehrenamtliches Engagement und künstlerisches Schaffen prägten die Zwischennutzung „Austausch AM KANAL 57“ von Dezember 2014 bis Februar 2015.

Einblicke / Foto: Kristina Tschesch

Einblicke / Foto: Kristina Tschesch

Neu- und Altpotsdamer hatten in dieser Zeit die Möglichkeit, sich Am Kanal 57 zu begegnen. Das Stadtteilnetzwerk Potsdam-West und wir, die Kulturlobby Potsdam, luden asylsuchende Menschen ebenso wie Potsdamer aller Altersgruppen ein, diesen Begegnungsort zu nutzen, sich auszutauschen und miteinander kreativ zu sein. Die „ProPotsdam“ hatte die zuvor leerstehenden Räume der ehemaligen Videothek kurzfristig für diese Art der Zwischennutzung zur Verfügung gestellt. Offizieller Zwischenmieter war der Verein „Soziale Stadt Potsdam“.

Geplant war eine knapp dreimonatige Zwischennutzung als Nachbarschafts- und Begegnungshaus, doch es wurde viel mehr als das: Im von Farben durchfluteten Schaufenster und seinen Hinterräumen (zusammen ca. 1.000 m²) entstanden temporäre Ateliers, ein kleines Tonstudio, eine Fahrradwerkstatt, ein Sachspendenraum.

Schmetterlings- und Fahrradwerkstatt / Foto: Kristina Tschesch

Schmetterlings- und Fahrradwerkstatt / Foto: Kristina Tschesch

Der Kanal 57 wurde zum Anlaufpunkt für Fragen rund ums Ehrenamt (mit Flüchtlingen) und war – dank der Hilfe vieler EhrenamtlerInnen – wochentags immer von 12-18 Uhr geöffnet. Zudem entstand ein neuer Veranstaltungs- und Ausstellungsort. Neben Gemälden, Collagen, Installationen, Songs, Stadtführungen, selbst gesponnener Wolle, Freizeitangeboten wie Parkour, Tanz, Capoeira und Yoga, Konzertabenden und Gesprächsrunden sind zahllose neue Bekanntschaften entstanden, sich nun – auch ohne diesen wertvollen Raum – weiterentwickeln.

Kreationen im Keller / Foto: Kristina Tschesch

Kreationen im Keller / Foto: Kristina Tschesch

Am Kanal 57 verschmolzen Kunst, Kultur, Politik und zivilgesellschaftliches Engagement zu einem Kosmos, der alle Beteiligten nachhaltig beeinflusst und beflügelt. Viele Projekte gehen auch nach der Zwischennutzung weiter. Beispielsweise die Fahrradwerkstatt, welche zukünftig in Potsdam-West ein neues Domizil beziehen wird oder auch zahlreiche Gruppen, die sich in Gesprächsrunden und Treffen Am Kanal 57 bildeten. So auch eine Initiative aus Kunst- und Kulturschaffenden, die die Perspektive des Bezugs des Rechenzentrums bearbeiten und konzipieren möchte.

Willkommen! / Foto: Kristina Tschesch

Willkommen! / Foto: Kristina Tschesch

Der große Empfangstisch Am Kanal 57 entwickelte sich zu einem Anlaufpunkt für interessierte PotsdamerInnen, die sich dem Thema Flüchtlinge und Asyl nähern wollten. Das große Schaufenster zog auch jede Menge Laufpublikum an. Über 100 Menschen informierten sich in den zweieinhalb Monaten zur Lage der geflüchteten Menschen in Potsdam. Vor Ort wurde diverses Infomaterial vom Flüchtlingsrat Brandenburg und Pro Asyl angeboten, damit sich die Menschen über das Gespräch hinaus informieren können. Fast alle dieser Besucher füllten die vom Stadtteilnetzwerk erstellte „Ehrenamtskarte“ aus und boten so ihre Hilfe in Form von unterstützenden Sprachkursen, Behördengängen und vielem mehr an. Beim „Hafenfrühstück“ im Januar 2015 kamen etwa 50 an ehrenamtlicher Flüchtlingsarbeit Interessierte zusammen und bildeten langfristig angelegte Arbeitsgruppen.

"Hafenfrühstück" mit EhrenamtlerInnen / Foto: Kristina Tschesch

„Hafenfrühstück“ mit EhrenamtlerInnen / Foto: Kristina Tschesch

Am Kanal 57 entstand auch die Idee eines Tandem-Austauschs für Bildende Künstler. Engagierte Künstler und Galeristen wollen neu in der Stadt angekommenen Künstlern Material, Ateliers, Ausstellungsmöglichkeiten u.ä. vermitteln und bei Fragen weiterhelfen. Ein enger Kontakt zu einem Künstler aus Syrien konnte bereits am Kanal geknüpft werden. Das Projekt läuft auch in Zukunft unabhängig von den Räumlichkeiten weiter.

An unserem Runden Tisch fanden auch regelmäßig VertreterInnen der Träger der Flüchtlingsunterkünfte zusammen, um sich auszutauschen und über die Aufgaben einer zukünftigen festen Stelle zu sprechen, die weiterhin für die Koordination der EhrenamtlerInnen verantwortlich sein soll. Aus dieser Idee entstand das vorerst dreimonatige Projekt „Koordinierungsstelle Neue Nachbarschaften Potsdam“, welches durch die „Servicestelle Tolerantes und Sicheres Potsdam“ der Landeshauptstadt finanziert und vom Verein „mitMachen e.V.“ getragen wird.

Durch den Sachspendenraum frequentierten auch geflüchtete Menschen aus verschiedenen Unterkünften oder bereits in Potsdamer Wohnungen lebende asylsuchende Menschen das Gebäude. Über die Hälfte der gespendeten Kleidung, der Teppiche und des Kinderspielzeugs fanden so neue Besitzer. Mit dem Auszug wurden die übrigen Sachspenden an die vom Verein „Soziale Stadt“ betriebene Unterkunft im Staudenhof übergeben.

Die Fahrradwerkstatt erhielt im Laufe der Zwischennutzung circa 60 Fahrradspenden, die von ehrenamtlich arbeitenden Zweiradmechanikern in Projektarbeit mit SchülerInnen der Montessori-Schule in Potsdam repariert wurden. Mehr als 40 Räder konnten bereits Am Kanal 57 an geflüchtete Menschen und den „Internationalen Bund“ als Träger von Flüchtlingsunterkünften vermittelt werden.

Refugee-Theatergruppe "Wir sind hier" / Foto: Kristina Tschesch

Refugee-Theatergruppe „Wir sind hier“ / Foto: Kristina Tschesch

Die Konzerte wie das Eröffnungskonzert des Duos „Hand in Hand“ und weitere Veranstaltungen, wie der Theaterabend einer jungen Gruppe von Flüchtlingen aus dem Berliner Raum oder die Vorstellung der Magisterarbeit „Von der Kritischen Rekonstruktion zur Mitteschön“ stießen auf großes Interesse und wurden jeweils von 60 bis 100 Menschen besucht. Die Vernissage und gleichzeitige Finissage „Kanalflutung“ zeigte am letzten Nutzungswochenende, was musikalisch und künstlerisch in zweieinhalb Monaten in diesem besonderen Raum entstand.

Kathrin Ollroges "Raum für Gedanken" / Foto: Kristina Tschesch

Kathrin Ollroges „Raum für Gedanken“ war auch zu Gast am Kanal / Foto: Kristina Tschesch

Alle Veranstaltungen und Angebote fanden kostenlos statt, ermöglicht durch die kreativen EhrenamtlerInnen, die hier ihr Können einbrachten und weitergaben. Wurde Geld gespendet, so kam dies der Fahrradwerkstatt zugute, für die etliche Ersatzteile angeschafft werden mussten.

Synergien, Aktions- und Künstlergruppen (er)schufen sich, Begegnungen, Bekanntschaften und Projekte von sich vorher fremden Menschen entstanden und werden auch zukünftig weiter geführt – selbständig, unabhängig und rege.

Danke an alle, die den Austausch AM KANAL 57 mit Leben gefüllt haben!

Steffi Ribbes Kreativwerkstatt / Foto: Kristina Tschesch

Steffi Ribbes Kreativwerkstatt / Foto: Kristina Tschesch

Konzert von Liedermacher Florian Helbig / Foto: Kristina Tschesch

Konzert von Liedermacher Florian Helbig / Foto: Kristina Tschesch

Yoga am Kanal / Foto: Kristina Tschesch

Yoga am Kanal / Foto: Kristina Tschesch

"Hand in Hand" / Foto: Kristina Tschesch

„Hand in Hand“ / Foto: Kristina Tschesch

Nachwuchskünstler / Foto: Kristina Tschesch

Nachwuchskünstlerinnen / Foto: Kristina Tschesch

Schaufenster / Foto: Kristina Tschesch

Schaufenster / Foto: Kristina Tschesch

Eine weitere Version dieses Textes gibt es auf dem Blog der „Koordinationsstelle Neue Nachbarschaften Potsdam“.

 

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